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Das Modellieren einer Portraitstudie

08. 06. 2012

Eine der grundlegenden bildnerischen Aufgaben im Kunstunterricht ist das Hinführen zur Raumerfahrung. Der Raum, erfassbar in der 3. Dimension vermittelt uns die Empfindung einer realen Seinsberechtigung durch das Wahrnehmen des Körperlichen: Um uns und in uns.

Übungen zur Erfahrung des Räumlichen im gestalterischen Unterricht bieten Gelegenheit das Erfassen des Körperlichen in unserer Welt bewusster zu machen. Dabei ist die Aufnahme des individuellen inneren Bezuges der SchülerInnen zur selbst geschaffenen Form ein kreativer Prozess, aus welchem Selbstsicherheit und „Ich-Erfahrung“ resultieren kann.

Eine von Hand erschaffene Schale, eine Hohlkugel, oder auch eine aus Ton modellierte Vase kann bei gelungenem Vorgehen durchaus persönlichkeitsstärkende Wirkungen haben.

Können die Hände einmal ein Gefäss in der Entstehung umfassen, erwacht bis in die Fingerspitzen hinein über den Tastsinn ein neues, für die gestaltenden KünstlerInnen individuell spürbares eigenes Raumgefühl. Ein solches Raumgefühl kann sich in besonderem Masse anschaulich bei der Ausarbeitung eines Portraits zeigen.

Einen Kopf in Ton hohl aufzubauen, heisst über den Hals zum Kinn eine Lehm-Wandung aufzubauen, welche nach vorne die Gesichtsseite und auf der gegen über liegenden Seite das Hinterhaupt in die zusammengefügte Hohlform nimmt, so, dass sich die nach und nach gewölbte „Lehmhaut“ als fingerdicke Wandung bis hin zum Scheitel oben schliesst.

In den Ausgestaltungen von den Abständen und Grössenverhältnissen der Augen-, Nasen- und Mundpartie liegen bereits die Anfänge einer Proportionslehre der menschlichen Gestalt. Bleibt die Öffnung oben am Kopf noch eine Zeit offen, kann von hier aus eingegriffen das Gesicht von innen und aussen gleichzeitig geformt werden. Die Wölbung der Augäpfel und Jochbeine, sowie die Nase werden von innen nach aussen gedrückt. Während die Augenhöhlen, der Mundraum, oder die Schläfen in der Gegenbewegung von aussen nach innen geformt werden.

Im Zusammenspiel der Gestaltungen von Gesicht und Kopfraum kann dann ein freies Spiel der Physiognomie entstehen, welches in allen Nuancen der Stimmungen die vielfältigsten Formen der Mimik offenbart. Feinste Veränderungen der Flächenführung bsw. der Mundwinkel ergeben rasch eine Veränderung im Ausdruck der Stimmungssprache des Gesichtsfeldes eines solchen Portraits.

Das ganze Geheimnis der „schönen Form“ fusst auf den handwerklichen Bedingungen, welche dem schaffenden Künstler die Oberfläche der Skulptur oder Raumgestalt auferlegt. In einem Vortrag über Auguste Rodin beschreibt Rainer Maria Rilke dies in seiner besonderen, gewandten Sprache anschaulich:

„..Wer aber diese Bedingungen aufmerksam bis an ihr Ende verfolgt, dem zeigt sich, dass sie nicht über die Oberfläche hinaus- und nirgends in das Innere des Dinges hinein gehen; dass alles, was man machen kann, ist: eine auf bestimmte Weise geschlossene, an keiner Stelle zufällige Oberfläche herzustellen, eine Oberfläche, die, wie diejenigen der natürlichen Dinge, von der Atmosphäre umgeben, beschattet und beschienen ist, nur diese Oberfläche, - sonst nichts. Aus allen den grossen anspruchsvollen und launenhaften Worten scheint die Kunst auf einmal ins Geringe und Nüchterne gestellt, ins Alltägliche, ins Handwerk. Denn was heisst das: eine Oberfläche machen?“

Ist nicht alles was wir an Ausdruck in Zuwendung oder Nötigung erleben; „... ist nicht alles dies nur eine leise Veränderung auf der kleinen Oberfläche eines nahen Gesichts? Und wer uns das geformt geben will, muss er sich nicht an das Greifbare halten, das seinen Mitteln entspricht, an die Form, die er fassen und nachfühlen kann? Und wer alle Formen zu sehen und zu geben vermöchte, würde er uns nicht (fast ohne es zu wissen) alles Geistige geben? Alles, was je Sehnsucht oder Schmerz oder Seligkeit genannt war oder gar keinen Namen haben kann in seiner unsagbaren Geistigkeit?

Denn alles Glück, von dem je Herzen gezittert haben; alle Grösse, an die zu denken uns fast zerstört; jeder von den weiten umwandelnden Gedanken - : es gab einen Augenblick, da sie nichts waren als ein Schürzen von Lippen, das Hochziehen von Augenbrauen, schattige Stellen auf Stirnen: und dieser Zug um den Mund, diese Linie über den Lidern, diese Dunkelheit auf einem Gesicht, - vielleicht waren sie genau so schon vorher da: als Zeichnung auf einem Tier, als Furche in einem Felsen, als Vertiefung auf einer Frucht...

Es gibt nur eine einzige, tausendfältig bewegte und abgewandelte Oberfläche. In diesem Gedanken könnte man einen Moment die ganze Welt denken, und sie wurde einfach und als Aufgabe dem in die Hände gelegt, der diesen Gedanken dachte. Denn ob etwas ein Leben werden kann, das hängt nicht von den grossen Ideen ab, sondern davon, ob man sich aus ihnen ein Handwerk schafft, ein Tägliches, etwas, was bei einem aushält bis an Ende.“

Das Modellieren unserer SchülerInnen, das Ausformen der Mannigfaltigkeiten innerhalb der Bewegungen der Oberfläche im Gesichtsfeld einer solchen Portraitstudie ermöglicht dem sich übenden Bildner nicht nur das Erfahren eines Handwerks, sondern es eröffnet als Ziel ein neues Ergebnis: Unsere jungen Kunstschaffenden treten ein in eine Welt des „Neuen Sehens“, des Wahrnehmens in den Begegnungen der Mitmenschen. All die Gesichter in dieser Welt erscheinen durch den Beginn einer neuen Aufmerksamkeit wie in einem klaren Licht. Sie beginnen zu berühren einzig deshalb, weil man sie sieht!


Roland Maier Holzknecht


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